Es war einmal kein Surfurlaub

Zum ersten Mal in meinem Leben freu ich mich, dass mein Flug heute Abend nach Portugal gestrichen wurde. Mir ist schnurz, warum das so gekommen ist. Vermutlich bin ich der einzige Passagier, dem ein kurzer Jubelschrei über die Lippen geht. Die anderen werden die Billigairline verfluchen. Gut, vielleicht haben wir da doch was gemeinsam. Das mit dem Fluchen ist mir in der vergangenen Zeit echt nicht fremd. Fluchen hilft.

Vor zwölf Tagen hat ein Sprung nach rechts nicht nur meine komplette Urlaubsplanung plattgemacht, sondern auch mich und meinen Alltag.

Springt ein Torhüter zum Ball, hat er da nen Auftrag. Klar, auch ich hab immer nen Auftrag, ich bin regelrecht besessen davon, dem Ball hinterherzujagen. Auf keinen Fall soll das Geschoss ins Tor, auf keinen Fall der Gegenspieler jubelnd zurück in die eigene Hälfte rennen. Schon gar nicht, wenn es zwölf Minuten vor Schluss des ersten Abstiegsrelegationsspiels in der bayerischen Handball-Landesliga so knapp dahergeht. Ich beobachtete die Gegenspielerin, ihren Wurfarm, ihren Blick und sprang also, um denn Ball wieder aus der gefährlichen Zone rauszuhauen. Landete. War aber noch nicht da, wo der Ball letztlich hinwollte. Also weiter nach rechts, so mein Reflex. Ich knickte zur Seite. Wie das dann konkret ablief, weiß ich nicht mehr. Was ich aber nicht mehr vergesse, ist der reißende Schmerz in meinem linken Knie, die Ewigkeit, in der er nicht nachließ, meine Schreie, das Winden am Boden. Den Ball hab ich nicht erwischt. Auch das tat weh.

Heute ist also der Tag, an dem mein lang ersehnter Urlaub starten und ich eigentlich für 17 Tage in einem schönen Boho-Camper an der portugiesischen Küste entlangfahren würde. Auf der Suche nach ein paar Wellen, auf denen ich völlig zufrieden, weil man in solch einem Moment eben alles hat, zum Strand gleiten würde. Wieder rauspaddeln. Surfen, glücklich sein, wieder und wieder.

Stattdessen freue ich mich noch immer über die SMS der Airline, in der mir sofort das Wort „canceled“ und „refund“ entgegenspringt. Ich wähle also statt Flug verschieben, erstatten, bin kurz erleichtert, weil das Geld sonst futsch gewesen wäre, werd dann aber doch traurig. Denn diesmal wird es heißen: es war einmal kein Surfurlaub.

Erst sieben Tage nach dem Sprung erfahre ich, was in meinem Knie solch großen Schaden angerichtet hat. Die MRT-Fotos im Bereich meiner Kniescheibe gleichen dem, was Explosionen hinterlassen. Keine glatten, erkennbaren Verläufe der Bänder. Wie die tobende See, sah es darin aus, weil mir die Patellarsehne gerissen ist. Das Band, das Kniescheibe und Schienbein verbindet, das war einmal.

Statt heute Abend in den Flieger zu steigen, besuch ich am Nachmittag einen Knie-Spezialisten in Ulm, der entscheidet, wie das Knie wieder ganz werden soll. Wie die Reha dann aussieht und wie ich hoffentlich schon bald wieder gehen, arbeiten und irgendwann auch wieder sporteln kann. Und natürlich steht als Ziel ganz oben mein nächster Surfurlaub. Man muss die Motivation ja schließlich hoch halten.

Vergrößern

IMG_0812-e1465759810978
Guincho Beach Portugal - Impressionen vom letzten Mal Portugal, das war 2016

		
		

		
		

		
		

				
								
			

2 Kommentare bei „Es war einmal kein Surfurlaub“

  1. Menno.
    Kleiner Versuch, dem Ungemach weitere positive Aspekte abgewinnen zu können:
    Die Speicherkarte wird nicht mit tausenden (wundervollen) Urlaubsbildern belastet.
    Deine Follower sind endlich mal NICHT neidisch auf die tollen Spots und Erlebnisse.
    Daheim ist es doch (angeblich) am schönsten.
    Gute Besserung und so weiter!

    1. Vielleicht verschwinde ich aber doch schon bald in die Berge, soll gut für die Seele sein, haben sie gesagt

Schreibe einen Kommentar